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05.07.09

Farbiges Prora: Nackt an der Ostsee

Während die Colorbeach-Verhüllungsaktion des "Koloss von Prora" nun langsam Gestalt annimmt (über den Fortgang berichtet jetzt ein eigenes Weblog), haben kürzlich sechs weibliche Fotomodelle im Inneren des Betonkolosses für die Aktion Proradise die Hüllen fallen gelassen. Die Ergebnisse des Fotoshootings lassen sich nun auf eBay ersteigern. Schon etwas eigenartig ist der damit verbundene Anspruch der Initiatoren:

"Wir wollten im Koloss von Prora die dunkle Geschichte und Architektur der Nationalsozialisten mit der Leichtigkeit und Fröhlichkeit weiblicher Fotomodelle inszenieren". Klaus Ender, einer der bekanntesten Akt-Fotografen der DDR und - mit Unterbrechungen - seit 1962 auf der Insel Rügen lebend, sieht in der Aktion immerhin einen "Nachdenk-Anschub". 

Deshalb ein kleiner Einschub zur Biographie dieses großen Foto-Künstlers, die das Auf und Ab der DDR-Kulturpolitik sehr deutlich widerspiegelt:

Als Sohn eines Österreichers und einer deutschen Mutter 1939 in Berlin geboren, zog er 1962 als 23-jähriger, leidenschaftlicher Fotoamateur auf die Insel Rügen und verliebte sich in diese. Er war der einzige DDR-Amateur, der es schaffte, in wichtigen Zeitschriften wie Das Magazin und Eulenspiegel zu publizieren und dann sein Hobby zum Beruf zu machen. Am 10. Mai 1966 begann er in Binz seine Tätigkeit als freischaffender Akt- und Landschafts-Fotograf. In wenigen Jahren gehörte er zur Spitze der DDR-Fotografen und publizierte in über 50 Verlagen. 1972 verließ er Rügen, weil der politische Druck zu groß wurde, und zog nach Potsdam. Drei Jahre später rief er die erfolgreichste Ausstellung der DDR "Akt & Landschaft" ins Leben, die zum Leistungsvergleich der DDR-Fotografen und später zum gesamtdeutschen Wettbewerb wurde. 1981 verließ Ender die DDR und übersiedelte nach Österreich, wo er mittellos bei Null anfing. Gleichzeitig war dies aber auch der Startschuss für eine internationale Karriere. Aus über 600 Seiten Stasi-Akten und den Recherchen einer britischen Wissenschaftlerin erfuhr er nach der Wende, dass man ihn in seiner Abwesenheit zur „Persona non Grata“ erklärt hatte. Alle von ihm handelnden Veröffentlichungen im Staatsarchiv und dem Landesarchiv Brandenburg wurden getilgt, die Bezirkskommission Potsdam zum Gründer von Akt & Landschaft gemacht. 1996 ging Klaus Ender wieder zurück auf seine geliebte Insel, wo er heute mit seiner Frau eine Foto-Galerie betreibt, weiter eifrig fotografiert und sich auch mit den Schattenseiten der Insel beschäftigt. 

Auf diese ganze Geschichte bin ich eigentlich nur gekommen, weil mir beim Eintippen einer Internetadresse ein Fehler unterlaufen ist: Statt www.colorbeach.com (die Verhüllungsaktion) habe ich www.colourbeach.com eingegeben und bin so bei den Nackten in den ehemaligen NVA-Kasernen gelandet. Schön clever von den Proradise-Machern, die auf der Welle der geplanten größten Freiluft-Galerie der Welt mitschwimmen wollen. Die bisher gegen alle Abrißversuche resistenten Stahlbetonbauten am schönsten Strand von Rügen scheinen sich also wachsender Beliebtheit zu erfreuen. Vielleicht kommt das auch meinem Regional-Krimi "Aktion Störtebeker" zu Gute, in dem Prora ja eine zentrale Rolle spielt.

 

20.06.09

Verhüllung in Prora: Colorbeach wird die größte Freiluftgalerie der Welt

An dem Spektakel hätte bestimmt auch Verhüllungskünstler Christo seine Freude: Ab dem 11. Juli soll  die Fassade der Blöcke I bis V des "Koloss von Prora" zur größten Open-Air-Galerie der Welt werden und ins "Guiness-Buch der Rekorde" Einzug halten. Colorbeach heißt die Aktion des Dresdners Arne Nowak. Bis zu 800 Kunstwerke sollen auf beiden Seiten des Betongiganten angebracht werden — jedes 5,20 x 3,80 Meter groß und wenn möglich von Künstlern aus der ganzen Welt.

Jeder Interessierte kann mitmachen und seinen digitalisierten Beitrag aus den Genres Malerei, Grafik, Fotografie und Bildhauerei an das Projektbüro einsenden. Nach einer Überprüfung wird das Bild dann zunächst auf der Colorbeach-Website in die (derzeit noch leere) virtuelle Galerie übernommen. Im nächsten Schritt erzeugen die Veranstalter ein Blow-up, das auf feuerbeständiges Gewebe gedruckt wird. Diese Vergrößerung wird dann an der Fassade des Gebäudes befestigt. Details stehen im Exposee (pdf).

Zunächst soll Block V des Gebäudes künstlerisch verhüllt werden, danach geht es Schritt für Schritt weiter. Bis zum August 2010. Die Landseite - so die Planung - soll etablierten Künstlern überlassen werden. Mit einer "Zeitreise durch die deutsche Kunstgeschichte — von 1936 bis heute." Die Seeseite wird dagegen für junge Künstler reserviert, darunter auch für Schüler von der Insel. Das Thema ist hier „Meine Welt“.  „Alles ist erlaubt, es kann gar nicht unterschiedlich genug sein. Nur plakative politische Botschaften wollen wir nicht“, hat Nowak angekündigt.

Das übergreifende Motto der Aktion heißt "Individualität contra Konformität". Der "Hauch des Deutsch-Nationalen" von Prora - so die amerikanische Galeristin Jill Clark, die als Kuratorin der Ausstellung engagiert wurde -  soll einer neuen, „globalen Identität“ weichen. Ein gute Idee, wie ich finde. Denn auch wenn jetzt wieder manche Leute meckern, weil sie das Konzept nicht verstehen: Besser als mit dem "Kratzputz gräulich" aus NVA-Zeiten werden die Fassaden des Betongiganten, der in meinem Krimi "Aktion Störtebeker" ja auch eine ziemliche Rolle spielt, allemal aussehen. Und Rügen hat eine Touristenattraktion mehr.